Mentale Gesundheit im Medizinstudium

Mentale Gesundheit. Zeiten einer globalen Pandemie, die mit andauernden, psychischen Belastungen einhergeht, haben den Diskurs um das Thema “Mentale Gesundheit” befeuert. Aber auch in den letzten Jahren hat das Bewusstsein für psychische Erkrankungen zugenommen. Nicht ohne Grund.

Betrachtet man die Lebenszeitprävalenz von 42,6% für das Auftreten einer psychischen Erkrankung in Deutschland [1], wird schnell klar, dass mentale Gesundheit kein Thema einer kleinen Randgruppe ist. Im Gegenteil – fast jeder Zweite ist im Laufe seines Lebens von einer psychischen Beeinträchtigung betroffen.

Bild von ElisaRiva auf Pixabay

Was ist Psychische Gesundheit?

Wenn man mit verschiedenen Personen über ihre Vorstellung von psychischer Gesundheit spricht, so stellt man schnell fest, dass sehr unterschiedliche Ansichten und Definitionen existieren. Ich beziehe mich in diesem Blogbeitrag auf die Definition der Weltgesundheitsorganisation, die psychische Gesundheit wie folgt beschreibt:

Psychische Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, in
dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.

Das Problem

Eigentlich ist es offensichtlich: Ohne in der Lage zu sein, produktiv zu arbeiten, wird es schwierig den Anforderungen des Medizinstudiums gerecht zu werden. Ein großes Problem entsteht, wenn das Medizinstudium selbst zum krankmachenden Faktor wird. So liest man in einem Artikel des Ärzteblattes [2]:

Zu Beginn des Studiums entspricht der Gesundheitszustand der angehenden Mediziner laut der Studie dem der Normalbevölkerung. Mit steigender Semesterzahl nehmen jedoch Depressivität, Ängstlichkeit und Burn-out-Beschwerden deutlich zu.

Natürlich sollte man im Hinterkopf haben, dass sich die wenigsten Erkrankungen auf eine einzige Ursache zurückführen lassen. In der Regel müssen verschiedene Faktoren zusammentreffen, die dann erst in der Summe krankheitsauslösend wirken. So könnten zum Beispiel auch bestimmte Charaktereigenschaften wie eine hohe Leistungsbereitschaft, Perfektionismus und ein hoher Selbstanspruch, die durch das Zulassungsverfahren mit dem Fokus auf sehr gute Abiturleistungen in der Gruppe der Medizinstudierenden möglicherweise selektiert werden, prädispositionierend wirken.

Fest steht allerdings, dass das Auftreten von psychischen Auffälligkeiten und Störungen unter Medizinern sowie unter Studierenden der Medizin im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht ist. Ein systematisches Review zeigt alarmierende Zahlen: Die Prävalenz von depressiven Symptomen und Depressionen betrug fast 30% [3]*. Etwa 11% der befragten Studierenden gaben Suizidgedanken an [4]. Auch eine empirische Untersuchung von Kerstin Seliger und Elmar Brähler der Klinik für Psychotherapie, Universität Leipzig kommt zu dem Fazit [5]:

Das psychische Befinden von Medizinstudierenden ist stark belastet, und es bedarf umfangreicher Präventionskonzepte.

Stigma

Ein Stigma beschreibt die Verbindung eines bestimmten Merkmals, in diesem Falle das Vorliegen einer psychischen Erkrankung, mit einem negativen Stereotyp oder einem Vorurteil. Auch wenn das Wissen um psychische Erkrankungen und deren Akzeptanz in der Allgemeinbevölkerung wächst, kämpfen Menschen mit psychischer Erkrankung häufig mit den Folgen von Stigmatisierung. Dies scheint auch – oder gerade – unter Studierenden und ärztlichem Fachpersonal der Fall zu sein, obwohl man es gerade unter Fachkundigen vielleicht anders erwarten würde. So zeigte sich, dass Medizinstudierende mit psychischen Problemen überdurchschnittlich selten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Dies wurde unter anderem damit begründet, dass die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten als ein ”Eingestehen von Schwäche” erlebt würde [6].

”Medizinische Kultur”

Laut Stauart Slawin, dem Senior Scholar für Wohlbefinden an der Saint Louis University School of Medicine sind die Gründe auch in der „medizinischen Kultur“ zu suchen. Viele Ärzte und Ärztinnen seien der Ansicht, dass nur stressresistente, starke Persönlichkeiten zum Arztberuf befähigt sind. Ein besonders stressiger Studien- und Berufsalltag werde als ein notwendiger Prozess der Auslese begriffen. Psychische Probleme würden weniger als Krankheit wahrgenommen, sondern eher als Zeichen von Charakterschwäche gewertet. Auch die strengen Hierarchien im universitären und im klinischen Umfeld trügen zum Problem bei [7].

Umdenken

Die Forderung nach einer Verbesserung der mentalen Gesundheit von Studierenden und medizinischem Fachpersonal wird lauter. Nicht zuletzt auch, weil man um die Qualität der medizinischen Versorgung und Ausfälle bei genereller Personalknappheit fürchtet. Die oben beschriebene ‘Medizinische Kultur’ wird vermehrt hinterfragt und auch das Idealbild eines Arztes als unfehlbarer, belastbarer ‘Gott in Weiß’, der keine Schwächen haben und sie erst recht nicht zeigen darf, bröckelt. Die strengen Hierarchien weichen zwar auf, beseitigt sind sie – nach meiner persönlichen Einschätzung – allerdings noch nicht.

Während die erhöhte Prävalenz von psychischen Erkrankungen unter Medizinstudierenden durch Studien belegt ist, so sind die Ursachen weitaus weniger geklärt. Ebenso verhält es sich mit der Frage nach Verbesserungsmöglichkeiten und Protektivfaktoren.

Angebote der Universitäten

Viele Universitäten haben das Problem aber als solches erkannt und bemühen sich um die Förderung und Erhalt der mentalen Gesundheit von Studierenden. Häufig findet man niederschwellige Hilfsangebote wie psychologische Beratungen, aber auch Stressmanagement-Trainings oder Kurse zum Erlernen von Entspannungsverfahren. Auch in Zeiten der globalen Pandemie wurde die seelische Gesundheit im Rahmen von universitären Veranstaltungen verstärkt thematisiert. Über meinen Mail-Verteiler haben mich einige Webinarreihen zu dieser Thematik von verschiedenen medizinischen Fakultäten erreicht.

Selbst betroffen?

Wenn man merkt, dass man sich psychisch über einen längeren Zeitraum belastet fühlt oder man gerade in einer akuten Belastungssituation steckt, ist es kein Zeichen von Schwäche, damit nicht allein zu bleiben und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Im folgenden habe ich ein paar Möglichkeiten des Austausches und der Beratung verlinkt.

Erste Hilfe

  • Psychologische Beratungsstellen der Universitäten | Viele Medizinische Fakultäten bieten psychologische Beratungen an, die einmalig oder auch mehrmals in Anspruch genommen werden können. Diese Art von niederschwelligen Hilfsangeboten ist meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt, um akute Belastungen von Studierenden abzufangen, bevor sich eine ernsthafte psychische Erkrankung daraus entwickelt.
  • Austausch mit Kommilitonen | Wenn du dich psychisch belastet fühlst, bist du damit – auch statistisch gesehen – nicht alleine. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr hilfreich sein kann über seine eigenen psychischen Herausforderungen zu sprechen. Häufig erhält man auch Feedback, da es anderen erleichtert, darüber zu sprechen. Offene Gespräche im Allgemeinen sind auch ein wichtiger Schritt in Richtung Entstigmatisierung.
  • Blaupause Initiative für mentale Gesundheit im Gesundheitswesen e.V | www.blaupause-gesundheit.de | Hier findet man Informationen und Artikel rund um das Thema Mentale Gesundheit im Gesundheitswesen, ein Forum für den persönlichen Austausch, Hilfe-Tools, Lokalgruppen u.v.m.
  • Wege zur Psychotherapie | https://psych-info.de/informationen/ | Auch eine Therapie kann sehr sinnvoll sein, wenn psychische Belastungen den Alltag beeinträchtigen und über einen längeren Zeitraum bestehen.
  • Krise/Notfall: Akute psychische Krise | Link

* Zum Vergleich: Die Prävalenz von depressiver Symptomatik in den letzten 2 Wochen (PHQ-8 ≥ 10 Punkte) betrug bei 18- bis 29-Jährigen 12,95%, betrachtet man nur die sog. Obere Bildungsgruppe in dieser Alterskategorie sogar nur 8,45% [8]. GEDA 2014/2015-EHIS

Anmerkung: Die Begriffe mentale Gesundheit und psychische Gesundheit werden synonym verwendet.


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Quellen

[1] Report Psychotherapie 2020, 1. Auflage März 2020 / Stand: Februar 2020

[2] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/63307/Schon-Medizinstudierenden-drohen-stressbedingte-Erkrankungen

[3] https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00278-006-0529-3.pdf

[4] Rotenstein LS, Ramos MA, Torre M, Segal JB, Peluso MJ, Guille C, Sen S, Mata DA. Prevalence of Depression, Depressive Symptoms, and Suicidal Ideation Among Medical Students: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA. 2016 Dec 6;316(21):2214-2236. doi: 10.1001/jama.2016.17324. PMID: 27923088; PMCID: PMC5613659.

[5] Psychotherapeut 2007 · 52:280–286 DOI 10.1007/s00278-006-0529-3 Online publiziert: 6. Januar 2007 © Springer Medizin Verlag 2007

[6] Medizinstudierende und ihre Belastungen im Rahmen des Studiums Empirische Untersuchungen im vorklinischen und klinischen Studienabschnitt, Medizinische Fakultät der Universität zu Köln, Anna Julia Gläser, 2009

[7] Medizinstudium: Depressionen und Suizidgedanken häufiger als in Allgemeinbevölkerung, Ärzteblatt https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71883/Medizinstudium-Depressionen-und-Suizidgedanken-haeufiger-als-in-Allgemeinbevoelkerung

[8] Journal of Health Monitoring · 2017 2(3) DOI 10.17886/RKI-GBE-2017-058, Robert Koch-Institut, Berlin

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