Lernstrategien im Medizinstudium – von Anki bis Zusammenfassung

Vor der Klausur ist nach der Klausur – eine Aussage, die im Medizinstudium wohl wie die Faust auf´s Auge trifft. Die Stoffmenge, die man lernen soll, scheint oftmals unmöglich; die Zeit, die man zur Bewältigung dieses Stoffes hat, noch viel unmöglicher. 4 Wochen für einen Anatomieatlanten, der nicht weniger als 600 Seiten hat? Keine Seltenheit. Und trotzdem: machbar. Das Medizinstudium fordert nicht nur, dass man fachlich viel lernt, nein, man lernt auch viel über das Lernen an sich und über sich selbst.

Viele Wege führen nach Rom. Auch zur Bewältigung des Lernstoffes im Medizinstudium gibt es unzählige Möglichkeiten. Eine Tatsache trifft wohl auf jede Lernstrategie zu: Wer so früh wie möglich anfängt, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen, der erspart sich zahlreiche Nervenzusammenbrüche und wird nicht von den Panikwellen ergriffen, die leider oft zum Standardprogramm vor der Klausur gehören. Stress im Studium ist oftmals gar nicht zu vermeiden; wie sehr man sich diesem Stress aussetzt, dass kann man aber oft noch gut steuern.

Doch betrachten wir das Lernen an sich von Anfang an: Bevor man sich überhaupt hinsetzt, ein Buch aufschlägt, und schon anfängt zu Verzweifeln, bevor man überhaupt richtig angefangen hat, sollte man sich erst einmal bewusst werden, welcher Lerntyp man selbst ist. Zwischen auditiv oder visuell, kommunikativ oder motorisch, solltet ihr euch schon längst zurechtgefunden haben, bevor ihr überhaupt ein Buch aufschlagt. Wenn ihr nicht so lernt, dass euer Lerntyp angesprochen wird, dann könnt ihr das Ganze auch gleich sein lassen – mehr als verschwendete Lebenszeit werdet ihr hieraus nicht mitnehmen.

Der Schlüssel zum Erfolg: nicht viel, sondern effektiv lernen.

Das Medizinstudium ist lernaufwendig – wohl eher Tatsache denn Geheimnis. Dass manche Studenten von morgens bis abends lernen, kommt dabei öfter vor als man denkt. Folgendes Resultat ist dabei keine Seltenheit: Durchfallen. Viel zu lernen bedeutet nämlich nicht zwangsläufig, gut zu lernen. Zwischen viel und gut liegen Welten; Qualität und Quantität sind bekanntlich nicht dasselbe. Die Schlucht zwischen diesen Beiden kostet viele das Bestehen.

Kein Mensch kann von acht Uhr morgens bis spätabends vollends konzentriert sein und permanent abliefern. Wichtig beim Lernen ist für euch herauszufinden, wann ihr am effektivsten Lernen könnt. Oftmals liegt das Konzentrationsmaximum vieler Studenten im Vormittagsbereich. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass diese Stunden sich am Besten dazu eignen, sich den Lernstoff aktiv anzueignen, also wie für das Medizinstudium nicht unüblich Dinge auswendig zu lernen oder sich selbst beizubringen. Nachmittags läuft das Ganze eher auf passives Lernen hinaus; oft ist die Luft bei vielen Studenten hier bereits raus: das Verfassen von Zusammenfassungen oder anderweitige Tätigkeiten, die nicht eure volle Konzentration erfordern, bieten sich hier besonders an. Egal, ob ihr gerade aktiv oder passiv lernt, auch Pausen sollten Teil eurer Planung sein.

Doch wie soll man das machen, wenn vormittags Vorlesungen und nachmittags Pflichtveranstaltungen auf einen warten? Ihr solltet zügig herausfinden, ob ihr aus Vorlesungen etwas mitnehmt oder nicht – falls Letzteres der Fall ist, so macht ein Besuch der Vorlesungen keinen Sinn und trägt nicht wirklich zu einem effektiven Lernverhalten bei. Aus der Lernpyramide von Norm Green geht unter anderem hervor, dass ihr nur ca. 20 % von dem, was ihr audio-visuell mitbekommt (sprich: aus Vorlesungen), später reproduzieren könnt. Gesagt ist also lange nicht gehört, und gehört nicht verstanden. Nachhaltiges Verstehen und Lernen ist gekoppelt an Tätigkeiten und an die unmittelbare Anwendung des Gelernten: Green spricht diesem Lernverhalten einen Lernerfolg von 90 % zu. Doch wann wollt ihr effektiv lernen, wenn ihr in Vorlesungen sitzt, aus denen ihr nichts mitnehmt?

Lernkartei-Software Anki

Die Lösung gegen das Vergessen: Anki. In zyklischen Abständen wiederholst du mit dieser Lernkarteien-Software die Lerninhalte, die du vergisst. Dabei hast du keinen gigantischen Stapel an Karteikarten, bei dessen Anblick du vor Schreck umkippst, sondern lernst täglich lediglich das, was du vergisst, nachdem du ein paar Tage alle Karteikarten abgefragt wirst. Du kannst den Ursprung des Musculus deltoideus bereits nach zwei Tagen? Anki wird dann erst nach einem längeren Zeitraum wieder danach fragen (und falls du es vergessen hast, danach wieder öfter). Der Ursprung des Musculus sternocleidomastoideus sitzt nicht? Tja, dann mach dich darauf gefasst, dass diese Lernkarte dir jeden Tag begegnen wird, bis du sie auswendig kannst. Du kannst bei Anki unter anderem Lückentexte erstellen, deren Lücken du abgefragt wirst, oder auch einfach Bilder mit Beschriftungen einfügen, sodass du nach den entsprechenden Beschriftungen der Strukturen (z.B. sehr nützlich bei arteriellen und venösen Kreisläufen) gefragt wirst. Besonders bei Lückentexten wird dein Gehirn auf ganz andere Weise stimuliert, als wenn du einfach stur Texte aus einem Lehrbuch oder nach dem typischen Frage-Antwort-Format lernst. Anki ist also ein perfektes Lerntool für visuelle Lerntypen und für alle, die gerne durch Abfragen ihr Wissen prüfen lassen!

Zusammenfassungen

Was das Thema Zusammenfassungen angeht, da scheiden sich die Geister. Aus der Schulzeit sind viele Studenten es noch gewohnt, sich zu jeder Klausur eine Zusammenfassung zu schreiben. Schnell aber wird vielen bewusst, dass bei der Masse an Lernstoff immer irgendwo Abstriche gemacht werden müssen. Auch ich bin ein Freund von Zusammenfassungen – schmerzlicherweise habe ich aber einsehen müssen, dass diese nicht immer einen Sinn machen. Zuerst sollte differenziert werden unter den Fächern, in denen Zusammenfassungen einem einen Lernerfolg bescheren, und denen, in denen man die in Zusammenfassungen geflossene Zeit besser hätte zum Lernen nutzen können. Denn auch hier darf man nicht aus den Augen verlieren, dass Zusammenfassungen lediglich passives Lernverhalten fördern. Viel Wissen eignet ihr euch so also nicht mit an. Wenn man weiß, in welchen Fächern Zusammenfassungen einem einen guten Überblick geben, dann geht es ums Differenzieren. Die Schulzeit ist lange vorbei: Niemand muss alles können, um zu bestehen.

Die Versuchung, das Kleinste vom Kleinsten zu lernen, ist am Anfang des Studiums groß – aus der Schule war man schließlich auch nichts anderes gewohnt, da die Masse an Lernstoff gut zu bewältigen war. Wer im Studium den kleinen Fischen hinterher jagt, der läuft in die Gefahr, den Fischschwarm zu verpassen – sprich: fokussiert euch auf das Wichtigste, sonst verliert ihr mehr, als ihr gewinnt. In Klausuren wird oft gar nicht verlangt, dass ihr die Dinge haargenau beherrscht, sondern, dass ihr einen Überblick über das große Ganze habt. Wenn ihr den Fokus auf Kleinigkeiten lenkt, dann verliert ihr den Blick für das Wichtige. Um sein Auge für das Wichtige zu schärfen, ist es hilfreich, beim Lernen vom Groben ins Detail vorzugehen. Ihr könnt beispielsweise erst mit dem *Endspurt-Heft Anatomie anfangen, bevor ihr euch die *Duale Reihe Anatomie vornehmt. Diese Vorgehensweise schont Zeit – und Nerven.

Fazit

Lernen ist eine Kunst für sich, und auch etwas, was man sich erst beibringen muss. Auch, wenn ihr gerade wieder an dem Punkt seit, wo ihr euch fragt, wofür ihr den Citratzyklus jemals brauchen werdet, solltet ihr euch vor Augen führen, dass wir nicht lernen, weil wir nur eine Klausur bestehen wollen. Wir lernen, weil es ein Privileg ist, sich Wissen aneignen zu dürfen. Wir lernen, weil wir nicht nur das können wollen, was wir können müssen, sondern weil wir gute Ärzte sein wollen. Gute Ärzte sind Menschen, die sich weiterbilden und einen breit gefächerten Wissensschatz aufweisen. In der Tat: das Lernen für Klausuren, auch unter dem Druck, der im Medizinstudium eher Regel den Ausnahme ist, macht nicht immer Spaß. Trotzdem ist es ein Teil des Studiums – davon, dass der Weg zum Arztberuf gepflastert ist, hat ja keiner gesprochen.

Verfasst von Beyza Saritas


Weiterführende Buchempfehlungen
a.) *Deep Work, Cal Newport
b.) *The One Thing, Gary Keller
c.) *Talent is Overrated, Geoff Colvin

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