Aller Anfang ist schwer – mein Start in das Medizinstudium

Montag, 6:00 Uhr, der Wecker klingelt, es ist noch dunkel draußen. Zwei Stunden später sitze ich in der ersten Vorlesung der Woche, Biologie. Danach heißt es: Hörsaal wechseln, ab aufs Rad, durch den kalten Herbstwind und auf zu Physik. Keine Campusuni zu haben kann Vorteile haben, aber durchaus auch Nachteile. Vor allem im Herbst, bei Wind, wenn es regnet.

Der Rest des Tages besteht aus einer mehr oder weniger verständlichen Vorlesung, einem Seminar, einer Mittagspause (wichtig!), einem Praktikum und einem Tutorium. Alles rund um das Thema Physik, ihr könnt selbst entscheiden, wie ihr das finden würdet.

Dann ist es 22 Uhr, ich bin wieder zu Hause, es ist dunkel und ich bin müde.

Zugegeben, das ist sehr zugespitzt und einseitig geschildert, entspricht aber durchaus meinen Empfindungen der ersten Wochen des Studiums. Wir sind im Herbst letzten Jahres ganz entspannt in das erste Semester Medizin gestartet. Es liefen nur die Vorlesungen am Vormittag und die sind bekanntermaßen freiwillig. Aber dieses „freiwillig“ ist so eine Sache. Ich gehöre zu den Menschen, die FOMO groß schreiben – fear of missing out. Das ging mir schon in der Schule so – vielleicht sagt der Lehrer genau in dieser Stunde, in der ich krank bin DAS wichtigste für die Klausur/ das Verständnis/ das Leben (die Liste ist beliebig weiter zu führen). Dementsprechend bin ich jemand, der versucht, möglichst zu jeder Veranstaltung zu gehen und alles mitzunehmen, um auch ja keine Info zu verpassen.

Am Anfang war das ein Klacks. Ein paar Stunden Vorlesung am Vormittag und am Nachmittag den goldenen Herbst in der schönsten Stadt überhaupt genießen. Als dann jedoch die Praktika in Biologie, Chemie und Physik und das Anatomieseminar hinzukamen, wurden die Tage um einiges vollgepackter, da das alles Pflichtveranstaltungen waren.

Mein Beispiel des Montags zeigt, wie ein solcher Tag hätte aussehen können. Hätte ich alles mitgenommen (ich erinnere euch an FOMO), wäre ein 12-Stunden-Tag locker drin gewesen – zwar mit Pausen, aber deren Entspannungspotenzial ist deutlich begrenzt. Am Anfang habe ich das noch versucht, aber schnell gemerkt, dass auch ich Abstriche machen sollte und für mich entscheiden musste, was mir wichtig war und worauf ich verzichten konnte. Denn sich nur für das Gewissen in eine Veranstaltung zu setzen, ohne dort effektiv was mitzunehmen, Kopfschmerzen zu bekommen und (im besten Fall erst) am Ende des Tages unendlich müde zu sein, bringt keinem etwas, noch nicht einmal dem Gewissen.

Ich glaube, ich spreche für die Allgemeinheit, wenn ich sage, dass der erst Gedanke beim Wort „Medizinstudium“ eher in Richtung „fachlich anspruchsvoll“, „schwer verständlich“ oder „eine Fülle von beispielsweise anatomischen Fakten“ geht. Allerdings: Nach meinem ersten Semester als Student kann ich eindeutig sagen, dass das nicht die größte, oder besser, nicht die einzige Hürde des Studiums ist. Versteht mich nicht falsch, die Anforderungen sind nicht ohne, aber ich würde sagen, machbar. Natürlich empfindet dies jeder anders und hat andere Voraussetzungen, aber mit genügend Ehrgeiz ist meiner Meinung nach alles machbar. Die Schwierigkeiten liegen an anderen Stellen. So sind die meisten neu in der Stadt, haben ihre erste eigene Wohnung, weit weg von der Familie und den Liebsten „zu Hause“ und müssen sich zuerst einmal orientieren. Dabei ist es nicht gerade förderlich, dass man in Rostock von einer Veranstaltung zur nächsten durch die halbe Stadt fahren muss. Zugegeben, Rostock ist keine Metropole, bei der das zwei Stunden dauert, aber es stresst trotzdem. Glücklicherweise kann ich Rostock als mein zu Hause betiteln, da ich schon ein Jahr vor Studienbeginn hergezogen bin. Das hat mir den Start um einiges erleichtert. Es hat aber trotzdem bis zum Ende des Semesters gedauert, ehe ich wirklich sagen konnte, ich bin im Studium angekommen. Denn es ist schon was anderes, selbst für sich verantwortlich zu sein. Niemand serviert einem alle Termine und Daten auf dem Silbertablett und erinnert einen an alle Veranstaltungen. Zwar sind die Medis sehr gut vernetzt, man erhält viele Infos und hilfreiche Tipps der höheren Semester, aber trotzdem muss man sich da irgendwie selbst einfuchsen. Ich erinnere mich, wie wir über mehrere Wochen hinweg wirklich jeden Montag – der berühmte Physikmontag –  in der Bib saßen und mir meine Praktikumspartnerin jedes Mal aufs Neue nicht glauben wollte, dass wir noch eine Stunde Zeit haben, bis das Praktikum beginnt. Deshalb vergewisserte sie sich jeden Montag lieber noch mal selbst mit einem Blick auf den Stundenplan, nur um auch wirklich ganz sicher zu gehen.

Aller Anfang ist schwer, aber man wächst mit seinen Aufgaben. Das klingt wie ein abgedroschener Kalenderspruch, ist aber durchaus wahr. Für uns alle war dieses Studium neu, niemand wusste so wirklich, worauf er sich da eingelassen hat oder wie alles funktioniert. Wenn man sich allerdings mit Menschen umgibt, die einem gut tun und auf die man zählen kann, auch wenn es mal stressig wird, ist die halbe Miete schon drin. Ich glaube um keinen Studiengang gibt es mehr Mythen, Vorurteile und Geschichten als um das Medizinstudium. So hat uns beispielsweise unser Psychologieprofessor deutlich davon abgeraten, währen der vorklinischen Semester nebenbei zu arbeiten. Es gäbe auch genug andere Möglichkeiten, sich das Studium zu finanzieren und wir werden die Zeit zum Lernen benötigen. Ich persönlich behandle solche pauschalisierenden Aussagen aber lieber mit Vorsicht. Jeder hat seine eigene Geschichte und geht seinen individuellen Weg. So habe ich für mich, schon vor dem Start des Studiums, entschieden weiterhin in meiner alten Stelle zu arbeiten, aber natürlich mit deutlich weniger Stunden. Neben der Tatsache, dass ich die finanziellen Mittel gut gebrauchen kann, zeigt mir die Arbeit auf der Intensivstation jedes Mal aufs Neue, weshalb ich mich dazu entschieden habe Medizin zu studieren. Es zeigt mir in theorielastigen Semestern, die weit weg vom Arztberuf sind, wofür es sich lohnt, die Grundlagen zu lernen, um später eine gute Medizinerin zu werden. Außerdem genieße ich es, ab und an auch mal wieder praktisch tätig zu sein und nicht nur aus Büchern zu leben.

Im weitesten Sinne muss ich meinem Prof allerdings Recht geben – wir werden die Zeit zum Lernen brauchen. Entgegen der Befürchtungen mancher, den ganzen Tag nur vor dem Schreibtisch sitzen zu müssen und zu lernen, ist es im Großen und Ganzen so, dass auch wir unsere Prüfungen eher am Ende des Semesters haben. Allerdings hat jede Regel ihre Ausnahmen und so kam für uns alle, das kurz vor Weihnachten stattfindende Testat in Biologie, das seit Anfang des Semesters bekannt war, doch recht überraschend. Dummerweise habe ich kurz vorher, ohne groß zu überlegen, auf meiner Station zugesagt, für ein paar Dienste einzuspringen. Da ich leider zur Kategorie „chronischer Prokrastinierer“ gehöre, fielen diese Tage natürlich in meinen nicht vorhanden Lernplan. Ende der Geschichte war, dass ich das Testat durch ein paar sehr unentspannte Nachmittage mit Powerlernen glücklicherweise doch noch bestanden habe. Meine Klausurphase sah leider wieder ähnlich aus… Aus Fehlern lernt man und mein Ziel für die kommenden Semester ist es, strukturierter zu arbeiten und früher mit der Vorbereitung zu beginnen. Zwar haben sich meine Lernstrategien zum Glück nicht in meinen Ergebnissen widergespiegelt, allerdings würde es mir sicher einiges an Stress ersparen, wenn ich einfach mal früher beginnen würde.

Mein Fazit des ersten Semesters ist, dass ich mich für das Richtige entschieden habe und es mir unglaublich Spaß macht, immer weiter in das Mysterium Mensch vorzudringen und mit jedem Tag mehr zu lernen. Natürlich ist dies kein Zuckerschlecken, es erfordert ein gewisses Maß an Disziplin und man muss Abstriche machen. Manchen fällt es leichter, anderen schwerer. Solange es mir weiterhin Freude bereitet, werde ich den Weg weiter gehen. Aber ich habe schon vorher für mich beschlossen, dass dieses Studium nicht mein komplettes Leben einnehmen wird. So schwierig es auch ist oder werden wird, möchte ich trotzdem mein Leben weiter führen. Ich möchte meinen Hobbies nachgehen, meine Beziehung genießen und Freundschaften pflegen. So kann es auch weiterhin passieren, dass ich am Wochenende vor einer großen Prüfung einen Tagestrip nach Rügen mache. Vielleicht gibt mir auch mein Fünkchen mehr an Lebenserfahrung diese Gelassenheit in manchen Dingen, schließlich habe ich im Vergleich zu den meisten meiner Kommilitonen, nicht direkt nach dem Abitur zu studieren begonnen. Allerdings habe ich in zahlreichen Gesprächen mitbekommen, dass die meisten doch ähnliche Probleme, Sorgen und Ängste haben – Heimweh, Versagensangst, Prüfungsstress. Hier kann es also helfen das Gespräch mit den Kommilitonen zu suchen. Schließlich teilen wir all unsere Freude über das erste erfolgreiche Chemietestat nach wenigen Wochen Studium, das erste bezwungene Physikpraktikum und die erste bestandene Klausur am Ende des Semesters. Warum teilen wir dann nicht auch unsere Ängste, diese Prüfungen nicht zu bestehen, dass wir unsere Liebsten in der Heimat vermissen oder die schlaflosen Nächte wegen dem Lernstress?

Mein Ziel für das nächste Semester ist klar: das Studium und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Dafür muss ich meine Zeit besser planen, um sie nicht zu vertrödeln. Ich möchte die Menschen, denen ich letztes Jahr begegnen durfte noch besser kennenlernen, denn dieses Studium schafft man besser miteinander, als gegeneinander. Darüber hinaus bin ich gespannt auf die Erfahrung „Präparierkurs“ und freue mich auf die Herausforderung des Sommersemesters zwischen Ostseestrand und Anatomiehörsaal.

Rebecca Schleiernick


Weiterführende Inhalte
– 8 Tipps für Erstis
– Vorklinik Bücher Teil 1: Physik, Bio, Chemie, Psychologie
– Vorklinik Bücher Teil 2: Anatomie, Histologie, Biochemie, Physiologie

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