Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden

Er gehört zu den wichtigsten, und prägendsten, Kursen des Medizinstudiums: der Präparierkurs. Der Umgang mit dem Tod ist kein Leichtes – spätestens im Präparierkurs, kurz Präpkurs, lernt jeder Medizinstudent den kalten Freund kennen. Jeder von uns wird irgendwann einmal sterben. Trotzdem ist der Tod ein verdrängtes Thema, ein geschlossenes Buch. Doch gerade für uns zukünftige Ärzte ist es wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, da man dem Tod im Beruf wohl öfter begegnen wird, als es einem lieb ist.

Der Präpkurs ist das Fundament der medizinischen Ausbildung – egal, ob man später Chirurg, Gynäkologe oder Internist werden will. Er kostet viel Zeit, Mühe und Nerven. Die Entlohnung aber ist groß: hat man den ersten Schnitt in einen toten menschlichen Leib gewagt, ist es faszinierend, Schicht für Schicht in die Tiefe vorzudringen und die Komplexität der Anatomie nicht nur aus dem Lehrbuch,  sondern mit allen Sinnen zu lernen.

Das erste Mal

In Düsseldorf werden wir Medizinstudenten langsam und bedacht an dieses Thema herangeführt. Alles beginnt im ersten Semester mit dem Einstieg in den Bewegungsapparat. Bevor wir richtig mit dem sogenannten Präppen, also mit der Präparation der Körperspender, beginnen, haben wir die Möglichkeit, an einer Besichtigung des Präpsaals teilzunehmen. Hierbei stehen uns auch Studenten aus höheren Semestern zur Seite, und zeigen uns alles vom Anatomielehrbuch bis zum Zellstoff. Die Möglichkeit, einen ersten Blick auf einen Körperspender zu erhaschen, die Finger über die kalten Extremitäten gleiten zu lassen, und uns einen ersten Eindruck von der Arbeit, die uns das nächste Jahr erwartet, zu machen, wird uns dabei auch angeboten. Das erste Mal in seinem Leben eine Leiche anzufassen, ist ein befremdliches Gefühl – die Extremitäten sind kalt und hart, alles ist steif und unbeweglich. Nichtsdestotrotz ist das Gefühl nicht so schlimm gewesen, wie ich anfangs gedacht hätte.

Der erste Tag

Jeder Medizinstudent weiß, dass im Medizinstudium an Körperspenden gearbeitet wird. Trotzdem schlottern dem einen oder anderen die Knie, wenn der große Tag dann endlich da ist. Im weißen Kittel und ausgestattet mit Skalpell und Pinzette fühlt man sich einen kurzen Moment dem Arztberuf ganz nah – ein Gefühl, was dann aber schlagartig verschwindet, wenn man vor dem Edelstahltisch steht, auf dem in ein weißes Laken gehüllt und mit grüner Kunststoffplane bedeckt die Körperspende liegt. Alle wissen, was sich schemenhaft unter der Abdeckung versteckt; nichtsdestotrotz gibt es wohl keinen, der nicht voller Ehrfurcht im Halbkreis um den Tisch herum steht. Die Ernüchterung folgt schnell: Acht Wochen Zeit, so viel Anatomie. Die Frage, wie man den Stoff jemals bis zum Testat bewältigen soll, hat sich jeder Medizinstudent wohl mehr als einmal gestellt.

Eine Achterbahn der Gefühle

In den ersten Tagen des Präpkurses hat man oft noch ein komisches, befremdliches Gefühl – doch schneller, als man dann denkt, betrachtet man das Ganze, was man tut, als Arbeit, und den Körperspender als Arbeitsgerät. Den meisten ergeht es so, muss man hier ehrlicherweise zugeben. Denn manche Studierenden sehen den Körperspender mehr als Mensch den als Anatomieobjekt, und haben Schwierigkeiten, die Distanz zu wahren. Trotzdem beschäftigen jeden Medizinstudenten die typischen Fragen: Wer war mein Körperspender? Was für ein Leben hat er geführt? Woran ist er gestorben? Und warum hat er seinen Körper der Wissenschaft geopfert – nichtsahnenden Medizinstudenten wie uns? Letztendlich kehrt dann oft der wissenschaftliche Gedanke zurück, und die Dankbarkeit, die Anatomie an einem Menschen studieren zu können. Der Präpkurs lehrt einen nicht nur enorm viel über die Anatomie, sondern auch Demut und ein großes Stück Dankbarkeit darüber, dass die Körperspenden, Menschen wie du und ich, mit sich das Letzte spenden, was sie noch haben, und sich damit im wahrsten Sinne des Wortes in die Hände der Wissenschaft und der Studenten legen. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich eines Tages meinen Körper auf einen Präpariertisch legen lassen würde – umso mehr bewundere ich die Menschen, die sich zu Lebzeiten dazu entschieden haben.

Tipps

Um die Zeit des Präpkurses erfolgreich und problemlos zu überstehen, gibt es einige Tipps, die man sich zu Herzen nehmen kann. Beim Auswendiglernen von Muskeln, Nerven, Organen und Co. ist letztendlich jeder auf sich allein gestellt, trotzdem hier ein kleiner Leitfaden:

1. Die richtige Lerngruppe suchen

Geteiltes Leid ist halbes Leid – mit den richtigen Menschen an seiner Seite ist nämlich alles halb so schlimm. Wenn man 4-5 Tage in der Woche aufeinanderhockt, macht das Ganze nämlich mehr Spaß, wenn man zusammen lachen und sich über den Lernstoff aufregen kann.

2. Vorlesungen

Es gibt Vorlesungen, deren Besuch hilfreich sein kann und Sinn macht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Besuch von Anatomievorlesungen nicht zwingend erforderlich ist, um das Testat und die Klausur der Anatomie zu bestehen. Anatomie ist Faktenwissen – dass, was in den Vorlesungen gesagt wird, steht genauso im Lehrbuch. Aber diese Entscheidung muss natürlich jeder für sich treffen.

3. Literatur

Natürlich geht nichts ohne Bücher, besonders nicht ohne Anatomieatlas. Auch hier gilt: probieren über studieren! Vergleiche die verschiedenen Atlanten und entscheide dann, mit welchem du am Besten klarkommst. Schon in der ersten Woche bekommt man zu hören, dass die Atlanten mit ihren Bildern und knappen Texten nicht ausreichen: nach bestandenem Testat und Klausur nur mit dem *Prometheus Atlas und AMBOSS, kann ich versichern, dass es auch so geht – das handhabt vielleicht jede Uni auch anders!

Lernen – über die Anatomie und sich selbst

Der Präparierkurs war mitunter die härteste Zeit meines bisherigen Lebens. Er hat uns ein Verständnis der makroskopischen Anatomie gelehrt. Doch er lehrt auch, dass es keine Hürde gibt, die man nicht bewältigen kann. Er lehrt uns zu lernen. Eine Menge zu lernen; so viel, wie wir nie geglaubt hätten, in acht Wochen bewältigen zu können. Der Präpkurs verändert einen. Niemand verlässt den Präpsaal als die Person, die man beim ersten Kurstag war. Man kriegt eine neue Sicht auf das Leben und den Tod, wird nachdenklicher, reifer.

Der Gedanke daran, dass Menschen ihren Körper geopfert haben, damit die Medizinstudenten von heute die besseren Ärzte von morgen werden, sorgt oft für eine große Last auf unseren Schultern – die Verantwortung. Einer Verantwortung, der wir nur gerecht werden können, wenn wir uns bemühen, so viel wie möglich aus dem Präpkurs mitzunehmen. An dieser Stelle: Danke an alle Körperspender, die sich der hochschulischen Ausbildung und Forschung zur Verfügung stellen!

Verfasst von Beyza Saritas


Buchempfehlungen für Anatomie:

a.) *Prometheus Lernatlanten

b.) *Sobotta Anatomieatlanten

c.) *Benninghoff Taschenbuch Anatomie

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