Die Qual der Berufswahl

In den letzten Wochen haben mich viele Nachrichten von Abiturienten und Uniabsolventen erreicht. Sie waren schlicht überfordert und fragten mich, wie sie eine Wahl in Bezug auf ihre berufliche Karriere treffen sollen. Wie finde ich meine Leidenschaft?

Mein erster und grundlegender Tipp lautet: Versuche nicht einen Beruf für eine verborgene Leidenschaft zu finden. Das wird in den meisten Fällen nicht funktionieren, da der überwiegende Teil der Menschen keine angeborene oder verborgene Leidenschaft besitzt. Jep! Ich behaupte, dass 99 % der Lifestyle-Coaches und Ratgeber da draußen, schlicht Unrecht haben.

Menschen lieben es Tätigkeiten zu verrichten, in denen sie wirklich gut sind. Wenn sie etwas richtig gut können, versinken sie darin und merken gar nicht mehr, wie die Zeit an ihnen vorbeizieht. Dieses Gefühl wird als *FLOW bezeichnet und wurde durch den renommierten Professor der Psychologie Mihály Csíkszentmihályi vorgestellt. Flow kann man nicht nur in Tätigkeiten empfinden, in denen man richtig gut ist. Man kann das Gefühl von Flow auch erleben, wenn man es schafft sich wirklich auf etwas zu fokussieren. So kann auch ein eher moderater Sportler dieses Gefühl erleben. Wenn Menschen von einer Leidenschaft sprechen, gehört Flow für viele von ihnen dazu. Interessanter Weise empfindet man das Flowgefühl allerdings eher, wenn man in einer Tätigkeit immer besser wird. So kann ein Handwerker, der sein Handwerk exzellent beherrscht, eine Art Trancezustand erreichen, während er seiner Tätigkeit nachgeht. Ähnliches berichten Musiker und Sportler. Das Gefühl von Flow hinterlässt wiederum eine tiefes Gefühl von Zufriedenheit.

Darüber hinaus zeigen wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Zufriedenheit am Arbeitsplatz immer wieder, dass für ein zufriedenes Berufsleben vor allem drei Aspekte erfüllt sein müssen:

  1. Der Beruf sollte einem die Möglichkeit zur Entfaltung bieten. Man muss besser werden können.
  2. Die eigene Tätigkeit sollte nicht als sinnlos oder gar schädlich für andere empfunden werden.
  3. Das berufliche soziale Umfeld sollte akzeptabel sein. Man sollte die Menschen, mit denen man täglich zusammenarbeitet, nicht völlig verabscheuen.

That’s it! Keine Rede von Leidenschaft.

Basierend auf meinen Erfahrungen der letzten Jahre und wissenschaftlicher Literatur, lässt dich folgendes festhalten:

a.) Vergiss die Leidenschaftstheorie: Man kann bei so ziemlich jeder Tätigkeit Freude empfinden und den Flowzustand erreichen, wenn die oberen drei Aspekte erfüllt werden und man es schafft, sich wirklich auf sein Handwerk zu fokussieren.

b.) Siehe deine Arbeit, körperlicher oder geistiger Natur als ein Handwerk und setze alles daran, um richtig gut drin zu werden. Der Prozess der Entwicklung deiner Fähigkeiten wird dir nach und nach das Gefühl von Leidenschaft vermitteln.

c.) Sei hartnäckig und geduldig! Die ersten Schritte sind stetes äußerst unangenehm und das Verlangen aufzugeben, wegzulaufen und etwas Neues zu beginnen, ist groß. Denke an die oberen drei Punkte! Es kommt nicht auf das genau Tätigkeitsfeld an, es kommt vor allem drauf an, sich entwicklen zu können. Bleib also hartnäckig, werde immer besser und du wirst immer mehr Freude in deinem täglichen Tun empfinden. Je besser du wirst, desto mehr wirst anderen Menschen helfen können, desto mehr wirst du zurückbekommen, desto mehr Anerkennung erfahren und desto zufriedener auch selbst werden. Arbeite daran immer weiter dein Humankapital auszubauen, statt es immer wieder über Board zu werfen, um einer neuen möglichen Leidenschaft zu folgen.

Für Abiturient: Die meisten Abiturienten haben, im Vergleich zu einem Uniabsolventen noch kein besonders großes Humankapital, worauf sie sich stützen können. Sie stehen viel eher kurz davor, endlich mit dem Erlernen von Fähigkeiten zu beginnen. Frage dich in diesem Stadium also nicht, was deine Leidenschaft sein könnte oder worin du besonders gut bist, sondern frage dich: Was bin ich bereit zu erlernen? Suche dir ein Studienfach oder eine Ausbildung und setze alles daran, dein Fachgebiet so gut es nur geht zu beherrschen. Baue dein Humankapital immer weiter aus, eigne dir außergewöhnliche Fähigkeiten an und springe nicht permanent von einem Gebiet ins Nächste. Solange die oberen drei Punkte erfüllt werden, wird die Leidenschaft folgen.

Für Uniabsolvent: Baue auf deinem Humankapital (Studium, absolvierte Fortbildungen, Praktika etc.) auf, statt alles über Board zu werfen und bei Null zu beginnen, um einer möglichen neuen Leidenschaft zu folgen. Heutzutage lassen wir uns durch den medialen Einfluss sehr leicht durcheinander bringen und meinen uns immer wieder neu erfinden zu müssen. Nicht weil es wirklich für unsere Zufriedenheit notwendig wäre, sondern weil es uns täglich eingetrichtert wird. Schlussendlich senkt dieses Verhalten unsere Zufriedenheit.
Die Menschen, die wir mit beruflichem Erfolg assoziieren, haben meistens eine Sache gemeinsam: Sie sind, in dem was sie machen, verdammt gut! Um allerdings verdammt gut in etwas zu werden, muss man erstmal die unangenehmen Phasen, in denen man richtig schlecht ist, überwinden. So geht es einem Musiker, wenn er mit dem Klavierspielen beginnt. So geht es einem Basketballer, wenn er die ersten Würfe übt und so erging es auch mir zu Beginn des Medizinstudiums und immer wieder im Verlauf. Um richtig gut zu werden und etwas mit viel Leidenschaft auszuüben, muss man zunächst akzeptieren, dass die Phasen in denen man richtig schlecht ist, einfach dazugehören. Richtig gut wird man nicht, indem man ständig sein Fachgebiet wechselt, um einem neuen Trend aus der Persönlichkeitsentwicklungsszene hinterher zu laufen. Man wird zu keinem Experten über Nacht, auch wenn es einem diverse Erfolgscoaches und Lifestyleblogger zu verkaufen versuchen. Das ist eine schlichte Selbsttäuschung und diese wird einen langfristig nicht zufrieden machen. Sei ehrlich, investiere die nötige Mühe, statt nach Abkürzungen zu suchen.

Wenn du eines Tages richtig gut in etwas sein willst, dann suche dir eine Tätigkeit, die auf deinem bereits erworbenem Humankapital aufbaut und werde verdammt gut, in dem was du tust!

Cheers Mischa

Bücher, die ich dir zu dieser Thematik empfehlen kann:

a.) *Flow von Mihály Csíkszentmihályi

b.) *The Paradox of Choice, Barry Schwatz

c.) *So Good They Can’t Ignore You, Cal Newport

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