Richtige Famulatur wählen und Hacks

Hat man erstmal die Vorklinik hinter sich gebracht, darf man sich endlich auf die „richtigen“ ärztlichen Praktika freuen! In Deutschland muss jeder Medizinstudent vier Monate lang famulieren, um sich mit der Krankenversorgung vertraut zu machen. Eines der vier Praktika muss man, zumindest in Bayern in der hausärztlichen Versorgung ableisten und ein Monat soll in einer Einrichtung der ambulanten Versorgung stattfinden. Nähere Informationen zu den Famulaturregelungen findest du beispielsweise auf der Homepage der LMU. Bitte beachte, dass sich diese laufend ändern können. Die Infos in diesem Artikel entsprechen dem Stand vom Januar 2019.

Viel spannender als die Regelungen ist allerdings die Frage: Was soll ich eigentlich wählen?

Einige Studenten lassen hier großen Druck aufkommen, indem sie sich in den Kopf setzen, dass die Famulatur dazu dienen soll, zu entscheiden welchen Facharzt man später wählt. Diesen Gedanken sollte man in meinen Augen schnellstmöglich streichen und die Famulatur als das sehen, was sie ist: Ein Praktikum, das dazu dient erste Einblicke in die ärztliche Tätigkeit zu erhalten! Es ist demnach nicht wichtig, die Famulaturen nur dort abzuleisten, wo man eventuell später arbeiten will.

Was ist, wenn man nicht genau weiß, was einen interessiert?

Hierfür habe ich zwei Lösungsansätze:

  1. Wähle das, womit du dich in der Vorklinik gerne beschäftigt hast. Hat dich Anatomie so richtig begeistert? Dann ab in die Orthopädie oder Unfallchirurgie! Folge deinen Fähigkeiten und verkompliziere das Ganze nicht. Wenn es dir dann doch nicht taugt, hast du immer noch alle Zeit der Welt, um woanders reinzuschnuppern.
  2. Du warst in nichts besonders gut oder schlecht? Nichts interessiert dich so richtig, aber an sich findest du die Medizin dennoch spannend? Dann würde ich für die erste Famulatur ein Fach wählen, dass möglichst viele Freiheiten lässt und dennoch viele Einblicke gewährt. Hier eignen sich in meinen Augen Innere Medizin oder Allgemeinchirurgie am besten. Die Chancen stehen gut, dass du in diesen Fächern mit zahlreichen anderen ärztlichen Tätigkeiten (Radiologie, Unfallchirugie, Urologie, Gyn, HNO) in Kontakt kommst und deine große Liebe findest.

Wer noch gar nicht weiß, was er machen soll, sollte vor allem eines tun: Amor fati. (Liebe dein Schicksal) Überwinde deine Angst und mache den ersten Schritt – die Chancen stehen gut, dass dich dieser weiter bringt, als wenn du nur philosophierend im Bett sitzt und darüber grübelst, was das richtige Fach für die erste Famulatur ist.

Was ist, wenn man sich zwischen zwei Fächern nicht entscheiden kann?

Findet man zwei Fächer scheinbar gleich spannend, so würde ich, wie ich in einem meiner letzten Beiträge beschrieb, die Eselmentalität ablegen und lernen langfristig zu denken! Bitte lies dir den Beitrag durch, sofern du ihn noch nicht kennst.
Kurz gesagt: Wenn du langfristig denkst, so ist es nicht entscheidend, mit welchem Fach du beginnst. Du kannst im Verlauf in beiden famulieren, nur geht das eben nicht gleichzeitig. Fange also irgendwo an und denke daran, dass es dir durchaus frei steht, auch mehr als nur vier Famulaturen zu absolvieren.

Wie es bei mir ablief

Aussicht Zürichsee Schweiz; Copyright Mischa Kotlyar

Meine erste Famulatur absolvierte ich in der Orthopädie in der wunderschönen Schweiz direkt am Zürichsee am Universitätsklinikum Balgrist. Dafür gab es vier Gründe:

  1. Ich wollte etwas Geld verdienen.
  2. Ich wollte eine neue Kultur kennen lernen und sehen wie Medizin in anderen Ländern praktiziert wird.
  3. Ich wollte mehr Verantwortung tragen. Man muss wissen, dass man in der Schweiz egal ob als Famulant oder PJ-Student stets als Unterassistent gilt. Aus diesem Grund darf man in der Regel mehr machen, aber es wird auch mehr abverlangt. Man muss also zusehen, dass man auf Zack bleibt, viel nebenher lernt und sich nicht zu schade ist, auch mal länger im OP die Hacken zu halten. Dann stehen die Chancen gut, dass man bereits als Famulant unter Aufsicht zunähen und Patienten selbst betreuen darf.
  4. Ich wollte mehr, über das für mich damals sehr spannende Thema Schultergelenk lernen. Balgrist galt damals als eine der besten Anlaufstellen hierfür. Den aktuellen Stand kenne ich nicht.
  5. (Ich hatte kein Bock darauf jeden Morgen Vampir zu spielen und Blut abzunehmen. Dies gilt in der Schweiz nicht als ärztliche Tätigkeit. Lernen muss man das Blutabnehmen im Verlauf dennoch – lieber früher als später.)

Die Wirklichkeit: Nicht alle meine Wünsche wurden erfüllt. So durfte ich beispielsweise zwar verhältnismäßig viel im OP machen, allerdings war ich dem Fußteam zugeteilt und konnte nur wenig Neues über die Schulter dazulernen. Ich machte das Beste draus und nutze die Möglichkeit mich mit Physiotherapeuten des Hauses in Verbindung zu setzen und konnte so das eine oder andere mitnehmen. Ich lernte also durchaus dazu, nur eben anders als geplant. Man muss anpassungsfähig sein und das nutzen, was man bekommt.

Rückblickend finde ich die extreme Spezialisierung auf einzelne Gebiete im Haus für einen Studenten nicht optimal. Hier wäre man in einem kleineren Haus besser aufgehoben gewesen, um so zunächst ein ganzheitlicheres Bild von der Orthopädie zu erhalten.

Gesagt, getan. Für meine nächste Famulatur ging es in die Allgemeinchirurgie nach Bamberg. Hier habe ich Einblicke in die verschiedensten Operationstechniken erhalten, konnte in der Thoraxchirurgie assistieren und hatte die Möglichkeit auch in Sprechstunden des dortigen Schultersspezialsten der Unfallchirurgie mitzumachen. Ein rundum gelungenes Praktikum.

Weiter ging es in die hausärztliche Versorgung. Ganz ehrlich: Es war schön es gesehen zu haben, aber es ist einfach nicht mein Fall. Hier fehlt mir die „Action“, es gibt verhältnismäßig wenig “abgefahrene” Abwechslung. Zudem bin ich jemand, der gerne forscht, folglich gehöre ich persönlich eher weniger in eine Praxis, zumindest vorerst nicht. Dennoch muss ich sagen, dass mir das Praktikum viel gebracht hat: Ich konnte lernen typische alltägliche Krankheiten zu erkennen und zu managen. Das ist vor allem als Student extrem wichtig und man sollte sich auf gar keinen Fall davor verschließen. Jeder Arzt muss wissen wie man einen Bluthochdruck, einen Diabetes oder eine simple Erkältung in den Griff bekommt. In dem Sinne hat man hier eigentlich viel Abwechslung, allerdings wenige Zebras. Das Praktikum ist dahingehend wichtig, weil man lernt unter den ganzen Pferden, die Zebras zu erkennen und entsprechend zu reagieren. So sind die meisten Magen-Darm-Beschwerden eher ungefährlich, aber es gibt immer wieder den einen Patienten mit einem entzündeten Appendix. Ähnlich verhält es sich auch mit Halsschmerzen – die meisten kann man einfach im Rahmen einer Erkältung aussitzen, aber es gibt ab und an den einen Sonderfall mit einem Retrotonsillarabszess. Dem Hausarzt kommt also, neben seiner koordinativen Tätigkeit und dem Management zahlreicher eher harmloser Erkrankungen, die wichtige Aufgabe zu wirkliche Gefahren zu erkennen und dann adäquat zu handeln. Hier kann man als angehender Arzt viel lernen. Darüber hinaus ist es durchaus spannend zu sehen, wie Hausbesuche ablaufen und man kommt in der Regel in den „Genuss“ eine Todesfestellung mitzumachen. Eine Aufgabe, die jeder Arzt korrekt zu verrichten wissen muss.

Aus all diesen gründen stellt die hausärztliche Famulatur, unabhängig von den eigenen Interessen, einen enorm wichtigen Abschnitt des Studiums dar und ich würde jedem Raten sich hier wirklich reinzuhängen, um so viel wie möglich für seine spätere ärztliche Tätigkeit mitzunehmen.

Mein Kumpel in der Hausarztfamulatur

Meine letzte Famulatur baute mal wieder komplett auf meinen Interessen auf – es ging in die chirurgische Notaufnahme des Uniklinikums Würzburg! Obwohl wir zum Teil zu viele Studenten waren, habe ich durch ein paar Tricks unglaublich viel Wissen mitnehmen können. Diese Famulatur war enorm lehrreich, einerseits weil die Unfallchirurgen sich wirklich viel Mühe in Bezug auf die Lehre gaben, andererseits weil man mit den unterschiedlichsten Beschwerdebildern konfrontiert wurde. Von kleinen Schnittwunden, über ein verstauchtes Sprunggelenk, bis hin zum Polytrauma war alles dabei!

Links: Herstellung eines Meshgrafts (Spalthauttransplantat) in der plastischen Chirurgie; Rechts: Gipsanlage in der Notaufname

Der Trick, der mir dazu verhalft das absolute Maximum aus dieser Famulatur zu holen, lautet: Sei dir nicht zu schade Drecksjobs zu erledigen und mehr zu leisten als verlangt. Simpel.

Im Einzelnen bedeutet es:

  1. Ab und an fielen Botenjobs an: Mal musste man einen Patienten zum Röntgen bringen, mal doch irgendwo Blut abnehmen, obwohl man eigentlich nicht zuständig war und mal im OP das Bein für 2 Stunden halten oder halt die Fettschwarten… Ich habe in solchen Fällen nie die Augen verdreht, sondern getan was nötig war. Gibt man den Ärzten das Gefühl, dass man sich für nichts zu Schade ist, so wird man in der Regel langfristig durch Lehre belohnt.
  2. Es ist schwierig, an für Studenten wirklich spannende Tätigkeiten zu kommen, wenn viel Konkurrenz (andere Studenten) vor Ort ist. Noch schwieriger wird es, wenn PJler anwesend sind, da diese fast immer alle Jobs in der Wundversorgung abgreifen.
    Die Lösung: Ich bin einfach etwas länger geblieben, so hatte ich die Chance der einzige Student in der Notaufnahme zu sein. Ich bin morgens eine Stunde früher zum Dienst erschienen, um die Wundkontrolle mitzumachen und so noch mehr lernen zu können. Das meiste habe ich allerdings in Spät- und Wochenenddiensten gelernt. Hier musste man zwar zum Teil echt viel Blut im gesamten Haus abnehmen, dafür konnte man häufig zuerst unter Anleitung und später fast selbstständig Wunden versorgen. Auch bekam man die Chance Patienten in der Notaufnahme selbst zu empfangen, die Anamnese und die Untersuchungen durchzuführen und später den Arzt zur Berichterstattung hinzuziehen und eine Therapie vorzuschlagen. Auf diese Weise bekam man die Chance deutliche mehr lernen, als wenn man nur mit im Zimmer sitzen und zusehen würde. Übrigens bekam man auf diese Weise auch zahlreiche Schockräume hautnah zu Gesicht und konnte eine Menge Zeit im Op verbringen.
  3. Nutze die Möglichkeiten an abendlichen Lehrveranstaltungen der Ärzte teilzunehmen. Einerseits bekommt man hier die Chance wirklich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und neue Operationstechniken kennen zulernen und andererseits kann man auf solchen Veranstaltungen sehr gut Kontakte knüpfen. Das hilft dabei im Verlauf beispielsweise an eine gute Doktorarbeit zu kommen. Übrigens gibt es häufig auch richtig gutes Essen. 😉
Abendveranstaltung Unfallchirurgie

Kurze Zusammenfassung:

  1. Folge bei der Wahl der Famulaturen deinen Interessen und Fähigkeiten. Verkompliziere es nicht und sei im Zweifelsfall kein Esel. Amor fati.
  2. Wenn du gar keine Ahnung hast, wo du beginnen sollst, dann fange möglichst breit an. Hier eignen sich die Fächer Allgemeinchirurgie und Innere Medizin am besten.
  3. Gib alles in deiner Hausarztfamulatur, unabhängig davon ob es dein Traumberuf ist!
  4. Wenn du viel lernen willst, sei anders und zeige es. Sei dir für nichts zu Schade!

Cheers Mischa

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